Reisen

Reiseherz und Reiseschmerz {Muss man wirklich reisen, um glücklich zu sein?}

28. Mai 2019

Vor einer Weile las ich irgendwo auf Instagram sinngemäß folgende Aussage: „Aber nicht zu reisen, das ist keine Alternative. Da gehe ich ein, das macht mich krank.“ Ich dachte lang darüber nach – einen perfekteren Einstieg zu diesem Text über Reiseherz und Reiseschmerz, den ich schon so lange schreiben wollte, könnte es fast nicht geben.

In mir schlägt ein Reiseherz

Ja, das Reiseherz, das schlägt in mir. Laut und kräftig. Ich glaube, ich habe es von meinem Papa geerbt. Bevor er verheiratet war und Kinder hatte, reiste er – den Möglichkeiten der DDR entsprechend – wirklich viel herum. Und auch als Familie waren wir immer viel unterwegs. Nicht unbedingt im Ausland – diese Reisen kann ich tatsächlich an einer Hand abzählen. Aber wir waren unglaublich viel in Deutschland unterwegs, haben Städte, Mittel- und Hochgebirge, Ostseeinseln (mit der Nordsee hatten es meine Eltern nicht ganz so sehr), jede Menge Burgen, Schlösser und noch viele andere Dinge entdeckt.

2005 in der Dominikanischen Republik

Sobald es mir irgendwie möglich war, versuchte ich mit meinen finanziell sehr geringen Mitteln trotzdem immer, etwas neues von der Welt zu sehen. Ich reiste beispielsweise mit dem Zug ins Voralpenland und besuchte meine Cousine während ihres sozialen Jahres dort. Klingt vielleicht nicht sehr aufregend, aber bestreitet das Ganze mal mit einem Wochenendticket, das nur für Regionalzüge gültig war…

Später, als ich dann verheiratet war, versuchte ich meinen Mann, der zum damaligen Zeitpunkt nicht ganz so unternehmenslustig war (was allerdings auch bestimmte Gründe hatte), mit meinem Reiseherz anzustecken. Wir bereisten die Dominikanische Republik (ohne Kohle, in einem Ferienresort mit Animation – eine Erfahrung, die wir nie wiederholt haben, haha), flogen nach England, gondelten mit dem Bulli bis in den Süden Griechenlands, befuhren das eigene Land – unsere Familien und Freunde wohnten überall verstreut – und auch mit unserem ersten Kind und wirklich null vorhandenen finanziellen Mitteln machte das Reiseherz keine Pause. Seinen zweiten Geburtstag feierte Jona beispielsweise in Holland.

2007 Irische See
2004 Göteborg

Dann kam der Reiseschmerz

Im Laufe der Zeit wurde das Reiseherz dann still und stiller. Unser Leben war nicht immer das Leichteste, als unsere Kinder noch sehr klein bzw. Babys waren; als wir mittlerweile eine fünfköpfige Familie waren, einer zu Hause, der andere mit einer unterbezahlten halben Stelle als Erzieher beschäftigt.

Während ich zunächst immer noch dachte: das ändert sich schon noch, irgendwann zeigen wir ihnen die große, weite Welt, fing ich bald an zu resignieren. Ich bewegte mich mittlerweile auf Social Media und entdeckte viele andere Menschen, die mit ihren kleinen Kindern und Babys auf Weltreise gingen. Las über all die Ziele, die bereits im Herbst für das neue Jahr feststanden. Über die Selbstverständlichkeit, mit denen andere in die USA, nach Asien, mit dem VW-Bus quer durch Europa oder in Gegenden reisten, von denen ich bis dato nichts als Reiseziel gehört hatte. Und ich stellte fest: in meinem Herzen nistete sich ein Reiseschmerz ein, der für die nächsten Jahre nicht mehr weichen sollte. Der sich hartnäckig festsetzte, mich manchmal schreien und heulen ließ, weil er mir immer wieder zu verstehen gab: du kannst das nicht, für dich ist das nicht bestimmt.

seedandstory.de | Reiseherz und Reiseschmerz
2007 Clacton-on-sea

Kann man vom Nicht-Reisen krank werden?

Mit der Zeit entdeckte ich noch etwas anderes. Immer wieder las ich bei anderen, dass sie reisen müssten. Als eine Art innerer Zwang, den zu befriedigen man keine andere Wahl habe. Ich las darüber, dass die beste Möglichkeit, seine Kinder zu weltoffenen Personen zu erziehen das Reisen sei. Vor allem aber las ich, dass es Nicht-Reisen als Option gar nicht gab. Dass niemand schrieb: ich würde so gern, aber kann nicht. Stattdessen konnte man offensichtlich vom Nicht-Reisen krank werden. Oder zumindest innerlich verkümmern.

Und tatsächlich: es versetzte mich in Panik. Wurde ich etwa krank vor Reiseschmerz? War ich eine schlechte Mutter, weil ich so offensichtlich meinen Kindern nicht das geben konnte, was ich erstens ja unbedingt wollte und zweitens grundlegend für ihre weitere Entwicklung und Zukunft sein könnte? Und so überspitzt das klingen mag, wenn man diese Zeilen liest: ich glaubte das tatsächlich. Der Reiseschmerz, der sich so sehr in meiner Brust festgesetzt hatte, wurde chronisch, hartnäckig und unschön. Führte dazu, dass ich von anderen weder hören bzw. lesen wollte, wohin sie reisten (oder gereist waren) und auch selbst irgendwann keine Pläne mehr schmiedete. Sie würden sich ja doch nicht erfüllen lassen.

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2007 Clacton-on-sea

Lassen wir uns verändern?

Es kostete mich ein paar Jahre, bis ich begriff, dass nicht das Nicht-Reisen krank macht. Sondern die falschen Bilder, die damit transportiert werden. Die angebliche Notwendigkeit, die all diejenigen ausschließt, denen die Mittel fehlen. Das Ausgrenzen, das sich definieren über die Anzahl der Länder und die Menge der Kilometer, die man gesehen und zurück gelegt hatte. Immer wieder traf ich Menschen, die auf Grund ihrer Reiseerfahrung doch so weltoffen hätten sein müssen. Und die, genau wie es deren Kinder ihnen oft gleich taten, eigentlich nur groß beim Thema Ausgrenzung waren. Menschen, von denen ich dachte, dass sie so viel Wissen gesammelt haben müssten, weil sie die Welt entdeckt hatten. Und sich oft nicht mal an den Orts- oder Landesnamen erinnerten. Wie immer und überall wurde mir vollkommen klar, dass die innere Einstellung eben genau das ist: eine in uns und unserem Herzen. Es spielt keine Rolle, wieviele Länder auf einer Weltkarte wir mit einem Pin versehen können. All diese Erfahrungen werden uns nur verändern, wenn wir es auch zulassen.

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2007 Irische See

Das Reiseherz kommt zurück

In den letzten Jahren hat sich das Reiseherz wieder seinen Weg gebahnt. Hat wieder angefangen, laut und kräftig zu schlagen. Es hat dem Reiseschmerz einen Platz eingeräumt. Denn auch der ist da; stetig und mit einem Brummen, was manchmal leiser, machmal lauter ist. Nicht-Reisen macht uns nicht krank. Stattdessen kann es uns demütig und gleichzeitig weltoffen machen. Zu sehen, dass die Welt, die wir entdecken wollen, niemals eine gewisse Grundentfernung haben muss, um überhaupt Relevanz zu besitzen.

Der Reiseschmerz, er wird von meinem Reiseherz umarmt, weil ich jeden Tag sehe, wie offen meine Kinder sind. Mitfühlend, stark, sozial und mutig. Ich sehe es, wenn wir in Italien in einem kleinen Supermarkt an der Kasse stehen und Platz für die Einkäufe einer älteren Dame machen. Und ich sehe es hier zu Hause, wenn sie als Geschwister darum ringen, sich nach einem Streit wieder zu versöhnen.

In den letzten zwei bis drei Jahren konnten wir im Vergleich zu davor sehr viel reisen. Was mich unfassbar glücklich gemacht hat. Und wenn unsere Kinder manchmal täglich mit neuen Reisewünschen auf uns zukommen („Können wir den Eifelturm sehen?“ „Können wir auf irgendeine Insel fliegen, auf der es Regenwald gibt – Borneo zum Beispiel?“ „Können wir irgendwo Weihnachten feiern, wo ganz viel Schnee liegt und wir in einer Holzhütte wohnen?“), dann bin ich manchmal traurig, dass ich nicht sagen kann: klar, lass uns Flüge oder eine Unterkunft buchen. Aber ich lasse mein Reiseherz laut genug für sie mitschlagen, so dass sie es hören. Dass sie wissen: vielleicht ist es jetzt nicht möglich. Aber das Herz, es schlägt stark und stetig. Und gibt nicht auf.

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2007 Lake District Nationalpark

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3 Kommentare

  • Reply Sabine 29. Mai 2019 at 9:48

    Liebe Carolin, spannend, deine Überlegungen, kann ich gut nachvollziehen, weil es mir manchmal auch so geht. Ich stamme übrigens aus Augustusburg und lebe jetzt schon seit 27 Jahren im Münsterland. Reisen ist wahrscheinlich so eine Grundsehnsucht, die viel mit Neugier und der Bereitschaft, Neues und Anderes kennenlernen zu wollen, zu tun hat. Den Horizont zu erweitern ist immer gut. Liebe Grüße, Sabine

  • Reply Barbara 29. Mai 2019 at 10:27

    So schön geschrieben, Carolin! Und ich finde ja, Reisen erweitert den Horizont und öffnet den Blick. Auf neue andere Dinge und auf das Gute zuhause. Unser Kinder sind zum Beispiel mit den Pfadfindern auch verreist, zweimal im Jahr. Es gibt immer Möglichkeiten, auch, wenn jetzt gerade bei euch die Situation nicht so toll ist, es kommen sicher auch wieder andere Zeiten.

  • Reply dörte 29. Mai 2019 at 12:08

    Liebe Carolin, ich finde, dass diese permanenten reiseberichte vor allem von diesen „Elternzeitreisen“ mächtig unter Druck setzen..zumindest wenn man das zuläßt. Dazu der ganze Instagram und wasweißich Rummel, tolle Bilder, Strände, exotische Menschen, Weite, weitwegsein. Wir fahren seit Jahren an die Ostsee und es ist wunderbar. Die Kinder lieben es. Ich bin auch als Kind, mindestens bis zur Wende immer nur an die Ostsee gefahren, höchstens mal noch an einen See in meckPom oder so. Ich liebe die Ostsee. Bei uns gab es auch nicht diese „Elternzeit“ als „Elternzeit“, mit meiner Großen war ich jahrelang alleinerziehend und dann war sie schon in der Schule, als „Elternzeit“ Thema war. Und Geld ist eh‘ keins da (mein Freund ist Waldorfklassenlehrer, ich hatte nur so Jobs, grad wieder Elternzeit), bis heute nicht wirklich. AUch die Ostsee reist immer ein Loch in die Kasse, aber wir alle können da richtig frei atmen und langweilig wird es nie.
    Dieses Jahr nun fliegen wir für vier Wochen nach Kirgistan, weil der Vater meiner großen Tochter ovn dort kommt und wir ihn seit 10 Jahren nicht gesehen haben…(sie ist 12). Wir fliegen alle zusammen, den wenn schon mal weit weg, dann eben für alle, zumal das eine finanzielle Hochleistung wird, die in den nächsten Jahren so auch nicht wiederholt werden kann. Boah, was hab ich Bammel…Packstreß, Entfernung, ewig lange Reise, Fliegen furchtbar…aber anders kommen wir nicht hin und es wird bestimmt schön und dann freu ich mich darauf, im nächsten Jahr ganz gemütlich wieder an die Ostsee zu fahren 😉
    Ja, reisen ist schön..alleine hab ich das auch voll gern gemacht. Aber entspannt ist das auch nicht immer und nötig auch nicht, zumindest bis zu einem gewissen Alter der Kinder (das nun bei uns recht weit auseinanderklaft, aber die Große fährt auch mit den Großeltern mal weg). Kein Druck machen, es kommt alles wieder und die Kinder können auch anders weltoffen werden. Indem die Eltern es ihnen eh‘ schon vorleben.
    ICh wünsche euch, wo auch immer, jedenfalls einen schönen Sommer!

    Grüße
    dörte

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