Familie und Beziehung

Wie ich Frieden mit meiner Rolle als Mutter schloss

20. Mai 2019
seedandstory.de | Wie ich Frieden mit meiner Rolle als Mutter schloss

Ja, ein irgendwie pathetischer Titel, ich gebe es zu. Eigentlich ist die Antwort auch ganz einfach und ich könnte sie gleich am Anfang des Textes geben. Seid Ihr bereit? Ganz einfach: in dem ich begriffen habe, dass es keine Rolle ist. Trommelwirbel und Tusch bitte!

Naja, wir wissen alle, dass es nie so einfach ist im Leben, oder? Als ich vor einiger Zeit über meine Entscheidung berichtete, nach einem halben Jahr wieder aus dem Lehrerberuf heraus zu gehen, deutete ich im Text bereits an, dass diese Entscheidung auch eine Veränderung in meiner Sicht auf mich selbst als Mutter herbei geführt hatte. Heute möchte ich Euch ein wenig davon erzählen. Wie immer mit der Hoffnung, dass es vielleicht für die ein oder andere unter Euch auch einen ermutigenden Impuls bereit halten kann.

Vollzeit-Mutter

Ich wusste schon immer, dass ich jung heiraten und jung Mutter werden möchte. Keine Ahnung, wieso, aber so war es. Und so kam es tatsächlich auch. Vier Tage nach meinem 21. Geburtstag heiratete ich meinen allerersten Freund (der zwei Jahre jünger ist als ich und der ebenfalls seine erste Freundin heiratete ;-)), drei Jahre später, ein paar Monate vor meinem Examen, war ich mit meinem ersten Kind schwanger. Kind zwei und drei folgten in den darauffolgenden 3 bzw. 4 Jahren und so war ich mit 28 Jahren Teil einer fünfköpfigen Familie, hatte zwar einen Studienabschluss, aber keinen Job und wusste auf einmal nicht mehr, was ich mit der Erfüllung meines „schon immer“ feststehenden Lebensbildes anfangen sollte. Denn: ich wollte zwar Familie; was ich nicht wollte, war Vollzeit Hausfrau und Mutter sein.

Allein, wenn ich diesen Satz schreibe, muss ich mich über mich selbst wundern. Denn Vollzeit-Mutter ist man schließlich schon mal per se, wenn man ein Kind bekommen hat. Das kann man ja nicht abstellen, die Pausetaste drücken oder einen Teilzeitantrag stellen. Aber irgendwie saß in meinem Kopf dieses Bild, wie ich nichts anderes tat, als mich um das Wohlbefinden meiner Kinder zu kümmern, den Haushalt zu schmeißen und mich ohne Ende zu langweilen. Denn das war es für mich: eine absolut und vollkommen langweilige Vorstellung.

Langeweile adé

Ein paar Wochen nach der Geburt meiner zweiten Tochter – nur zehneinhalb Monate nach der Geburt meines zweiten Kindes – war mir klar: langweilig wird mir schon mal nicht. Und trotzdem fiel ich in eine Krise, die ungefähr zwei Jahre anhielt und die ich im Nachhinein durchaus mit leicht depressiv beschreiben würde. Meine Kinder waren toll, alle drei. Ich liebte sie, wie ich mir niemals hätte vorstellen können, dass man einen Menschen lieben kann. Aber mich als Mutter liebte ich irgendwie nicht so wirklich. Mir fiel die neue Rolle – ja, ich nenne es bewusst Rolle, denn damals empfand ich es irgendwie so – in Bezug auf meine Kinder nicht schwer. Und auch als Paar war es für uns leicht, Eltern zu sein. Es lag uns einfach, wir liebten diese neue Aufgabe sehr. Trotzdem war ich ständig überfordert. Von meinen Erwartungen, „etwas zu schaffen“, vom Verhalten der anderen Mütter, das meinem irgendwie so gar nicht ähnlich war; davon, keine Zeit mehr für mich zu haben, ständig zu denken, ich sei benachteiligt (obwohl ich es gar nicht war) oder Aufgaben erfüllen zu müssen, die ich so überhaupt nicht mochte (auf den Spielplatz gehen beispielsweise oder Rollenspiele spielen). Heute weiß ich: ich war überfordert von mir. Weil ich an einem Bild festhielt, von dem ich partout nicht lassen wollte. An das ich mich klammerte, egal, wieviel ich darüber nachdachte, darüber sprach und dazu lernte.

Willkommen in der Rolle als Mutter

Dieses Bild hatte nichts damit zu tun, dass ich dachte, ich müsste wie andere Mütter sein. Oder dass ich dachte, ich sei nicht gut genug. Klar, diese Zweifel kannte ich auch – aber ich wusste damit umzugehen. Das Bild, das mich überforderte, war nach wie vor die Vorstellung einer Vollzeitmutter. Ich kann bis heute nicht genau benennen, was ich damit eigentlich verband, auf alle Fälle ein beinahe übermächtiges Gefühl der Hilflosigkeit und Selbstaufgabe. Ich kann auch nicht sagen, woher ich dieses Bild hatte – von zu Hause jedenfalls nicht!
Im Laufe der Jahre, mit wachsender Erfahrung und je mehr ich mich selbst kennen lernte (dass als Mutter hochsensibel zu sein beispielsweise „ein Ding“ war, mit dem man sich auseinandersetzen musste), wurde dieses Bild immer blasser. Bis ich mir selbst einredete, es sei schließlich ganz verschwunden. Ich wurde ruhiger, selbstbewusster und nachsichtiger mit mir selbst.

Und dann saß ich im Auto und fuhr das letzte Mal von der Schule, in der ich gearbeitet hatte, nach Hause. Ich dachte über Vereinbarkeit nach, darüber, ob ich jetzt gescheitert war oder nicht. Und auf einmal ruckte es durch mein Herz. Ich begriff: das Bild, egal, wie stark es die Zeit verblichen hatte, war trotzdem noch da. Bis zu diesem Moment hatte ich immer noch mit einem kleinen Haken an der „Mutterrolle“, die ich niemals erfüllen wollte, festgehalten. Der Ruck war das letzte Lösen, das letzte Ablegen. Ich war endlich ganz bei mir selbst angekommen. Ich WOLLTE eine Mama sein, zu 100 %, 24 Stunden am Tag. Nicht weniger. Ich WOLLTE für meine Kinder da sein, sie trösten, sie ermutigen, ihnen ein Zuhause schaffen. Und ja, deswegen bin ich auch nicht gern anderen Rhythmen oder Regeln unterworfen als meinen/unseren eigenen. Ich gebe mich damit nicht auf, im Gegenteil: das BIN ich! Mir wurde klar, dass ich mir genau das all die Jahre verweigert hatte: endlich zu akzeptieren, wer ich wirklich war – weil ich doch immer dachte, genauso eben nicht zu sein.

Ein Bilderbuch voll

Heutzutage heißt Vereinbarkeit, ALLES verwirklichen können zu MÜSSEN. Für alles Zeit zu haben. Und ich glaube, das Problem dabei ist nicht nur, dass die Umstände dafür oft nicht vorhanden sind. Das Problem sind auch die vielen, vielen Bilder, die verbreitet und als Wahrheit für andere verkauft werden. Und weil man als Mutter (und ja, das gilt sicher auch für Väter, aber ich bin ja keiner, also spreche ich lieber für mich), so glaube ich, immer die beste Variante von sich sein möchte – schließlich ist man für mindestens einen anderen Menschen verantwortlich – ist man schnell versucht, diese Bilder genauer zu untersuchen. Sie zu den eigenen zu machen und sich irgendwann ein buntes Bilderbuch anzulegen, in dem man ständig blättert und sich nicht entscheiden kann, welche Seite nun die schönste oder am besten geeignete ist. Das Ergebnis ist in der Regel nicht, dass wir mehr zu uns finden und tatsächlich bessere Mütter werden, sondern nur besser lernen, eine Rolle auszufüllen. So wie man das Buch eben am Ende zuklappen kann – es bleibt eine fremde Welt, zu der man nur bedingt Zugang bekommt.

Das eigene Bild

Vielleicht fragt Ihr Euch, ob die Bindung zu Eurem Kind stark genug ist. Ob Ihr Euer Kind weniger oder mehr oder auch gar nicht erziehen solltet, ob Ihr immer die richtigen Entscheidungen trefft. Vielleicht seid Ihr unsicher und lest einen Ratgeber nach dem anderen, saugt begierig auf, was andere zu sagen haben, wie Ihr mit Euren Kindern am besten umgehen sollt. Vielleicht seid Ihr selbstbewusst und sicher in Eurem Tun – und spürt trotzdem eine Unruhe oder Unsicherheit, die Ihr nicht erklären könnt.
Vielleicht fasst Ihr Euch aber auch ein Herz und schaut das Bild an, mit dem Ihr Euer Muttersein bestreitet. Ich möchte Euch von Herzen dazu ermutigen. Denn ebenso vielleicht merkt Ihr, dass es gar nicht Euers ist und Ihr es loslassen oder wie das Buch zuklappen könnt. Oder aber Ihr entdeckt, dass Euer ganz eigenes Bild viel stärker und schöner ist, als die vielen anderen – weil es Euch mit all dem repräsentiert, was Euch ausmacht. Und Ihr genau deswegen die beste Art von Mutter für eure Kinder sein könnt.

Das spielt keine Rolle mehr

Ich habe Frieden mit meiner Rolle als Mutter geschlossen, weil ich begriffen habe, dass es keine Rolle gibt. Mutter wird man, in dem man Kinder bekommt. Das ist eine Lebensentscheidung, keine Arbeitsstelle. Das heißt: es gibt keinen Chef, keine seltsamen Regeln, die auf einmal jemand über mich diktiert und an die ich mich ohne Hinterfragen zu halten habe. Ich muss niemand anderes sein als ich selbst – weil ich schließlich auch als genau diese Person meine Kinder bekommen habe. Alles, was sich danach verändert, sollte Ausdruck meines persönlichen Wachstums sein – kein coffee table book voll mit schönen Bildern anderer!

Ich kann Euch gar nicht sagen, wie sehr mich dieses Wissen beruhigt! Ja, ich wünschte mir sehr, dass ich das schon eher begriffen hätte. Aber ich kann die Zeit nicht zurück drehen, kann meine Kinder nicht wieder klein machen. Aber das ist eben auch das Schöne am Eltern sein – wie gesagt: es ist eine Lebensentscheidung, kein Job. Und wir haben jede Menge Zeit, zu lernen und zu wachsen.

 

Das könnte Dich auch interessieren

2 Kommentare

  • Reply Tina 21. Mai 2019 at 9:55

    Liebe Carolin! Ich gratuliere dir zu dieser großartigen Erkenntnis! Ich finde die Gesellschaft macht es einem nicht leicht diesen Weg bewusst zu gehen und dahinter zu stehen. Egal aus welchem Grund… Immer wieder muss ich mir anhören ob mich das Leben erfüllt und ob mir nicht als Erkenntnis! Ich finde die Gesellschaft macht es einem nicht leicht diesen Weg bewusst zu gehen und dahinter zu stehen. Egal aus welchem Grund… Immer wieder muss ich mir anhören ob mich das Leben erfüllt und ob mir nicht als ‚NUR‘ mama langweilig wäre. Ich habe zwei Jungs im Alter von drei und sieben Jahren, da wird einem nicht langweilig… Am Anfang ist es mir sehr schwer gefallen als ich nach meinem Berufsleben gefragt wurde- heute bin ich sehr stolz darauf dass wir uns das leisten können… Meine Kinder gehen in keine Ganztagsschule oder Über- Mittag- Betreuung.. Von Lehrern der Grundschule meines Sohnes kann ich mir anhören dass es so langsam Zeit wäre mein Kind mal von mir zu lösen… Wir als Familie ziehen unseren Weg weiter wie er gut für uns und unsere Kinder ist! Ich wünsche dir von Herzen alles Liebe ❤️

  • Reply Janine 21. Mai 2019 at 10:25

    Vielen Dank für diese wertvollen Gedanken. Ich kann mich darin sehr wiederfinden, wir sind gerade dabei, als Familie unseren eigenen Weg zu gestalten und auszuprobieren, unabhängig von Idealvorstellungen. Einfach ganz so, wie es für uns passt. Und trotzdem helfen mutige Artikel anderer Mütter/Eltern dabei, darüber nachzudenken, ob es nicht auch anders geht, wenn bei einem selbst der Schuh drückt und der fremde Schuh einfach nicht passen mag. Ich selbst habe das nach einem sehr guten Abitur aus Vernunft angefangene Studium aus einer Herzensentscheidung abgebrochen, weil ich Mutter geworden war und endlich den Mut hatte, meinen Weg anders zu gestalten. Trotzdem hatte ich lange das Gefühl, mir fehlt etwas, habe nach zwei weiteren Kindern angefangen, selbstständig zu arbeiten und gedacht, da käme dann die Bestätigung. Kam sie auch, aber bei weitem nicht in solch einer Tiefe, wie mir das Gestalten unserer Familie schenkt. Es ist eben weit mehr als ein Job, das Muttersein. Und so arbeite ich nun hin und wieder mit wenigen Aufträgen im Jahr und gestalte den Rest der Zeit unsere Familie in allen Facetten. Lerne es, Gemüse anzubauen, nachhaltig zu leben und das weiterzugeben, begleite unsere Kinder durch Höhen und Tiefen auf dem Weg zur Selbstständigkeit und habe dabei alle Freiheit. Mit weniger (Geld/Zeug) auszukommen ist dabei so ein Schlüssel! Ich wünsche dir alles Gute und lese mich weiter durch deinen schönen, inspirierenden Blog 🙂
    LG Janine

  • Kommentar hinterlassen