Leben

Mein Quereinstieg ins Lehramt

13. Mai 2019
seedandstory.de | Mein Quereinstieg ins Lehramt

Eigentlich geht der Titel noch weiter, ich gebe es zu. Korrekterweise müsste da stehen: mein Quereinstieg ins Lehramt und warum ich nach sechs Monaten gekündigt habe. Untertitel in Klammern: und trotzdem nicht gescheitert bin.

Naja, der Platz da oben ist beschränkt, aber hier, in diesem Post, da ist Raum. Da will ich Euch mitnehmen auf die Reise, auf der ich das letzte halbe Jahr unterwegs war. Nicht nur ich, das stimmt eigentlich nicht. Wir, als ganze Familie, vor allem wir als Paar. Aber klar, im besonderen ich.

Lehrer sein…

Ich muss ein wenig ausholen, ich hoffe, das ist in Ordnung. Aber sonst versteht man so schlecht, was diese Entscheidungen für uns bedeutet haben. Warum ich erst anfange, dann wieder aufhöre. Und mich trotzdem nicht als gescheitert betrachte. Warum ich zutiefst dankbar bin, obwohl ich vor ein paar Wochen noch beim Arzt saß und mich wegen Erschöpfung habe krank schreiben lassen.

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Ich wusste immer, dass ich ein guter Lehrer bin. Ich kann gut erklären, habe großen Spaß an logischen, inneren Zusammenhängen und eine große Auswahl an den benötigten Worten. Ich wusste aber auch schon immer, dass ich nicht als Lehrer arbeiten möchte. Während meines Studiums haben sich einige meiner Mitstudenten entschieden, von Magister auf Lehramt zu wechseln und ich wurde nicht selten gefragt, ob ich das nicht auch in Erwägung ziehen würde wollen. Wollte ich nicht. Ich nutzte mein Talent für andere Gelegenheiten, in den Kirchen, in denen ich mitarbeitete, an der Uni, an der ich ebenfalls über Jahre einen Job hatte. Außerdem mochte ich die Forschung und die Wissenschaft sehr, dort wollte ich (beruflich gesehen) auch bleiben.

…und Lehrer werden

Dann kam das harte Erwachsenenleben. Mein Mann versuchte, unsere mittlerweile fünfköpfige Familie finanziell zu versorgen (was als Erzieher per se in unserem Land zum Scheitern verurteilt ist…) und da war er wieder, dieser Gedanke. Was, wenn ich doch als Lehrerin arbeiten würde? Der Mangel an Lehrkräften (vor allem im Fach Kunst) war auch schon vor 6-7 Jahren groß genug. Wir hielten es für eine tolle, für die Möglichkeit, vorwärts zu kommen. (Mit Betonung auf die.) Und was machte es schon aus, dass ich eigentlich nie als Lehrerin arbeiten wollte? Wir hatten schließlich eine Verantwortung. Und der konnte ich offensichtlich weder als der freie Autor, der ich schon immer sein wollte, gerecht werden, noch mit meinen Versuchen als Blogger und Stoffdesigner. Dachte ich, dachten wir…

Ein paar Jahre später. Meine Karriere als Designer war tatsächlich keine mehr (jedenfalls nicht so, wie ich dachte), meine Bücher, die ich schreiben wollte (will!) lagen immer noch angefangen und aus Angst ignoriert auf meiner Festplatte. Was meinen Blog anging, stand ich irgendwo. Nur eben nicht da, wo ich sein wollte. Und auch meinem Mann ging es nicht besser. Sein Job hatte ihn krank gemacht und am Ende wurde er für mehrere Monate krank geschrieben. Wir suchten verzweifelt nach einer Lösung, um vor allem (wieder einmal) aus den finanziellen Schwierigkeiten heraus zu kommen, in denen wir steckten. Im Laufe der vergangenen Jahre hatten wir immer und immer wieder nach einer Möglichkeit gesucht, unsere Situation zu verändern. Sie kam mit dem Start unseres Sohnes am Gymnasium letztes Jahr.

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Vision auf Pausetaste

Ich weiß nicht, wie Ihr Euer Leben gestaltet. Ob Ihr alles für die nächsten Jahre geplant habt oder spontan jede Weggabelung mitnehmt, die sich vor Euch auftut. Ob Ihr eine Vision, ein Ziel habt und Eure Berufung kennt oder auf der Suche seid, nach dem, was die Basis Eures Lebens bildet. Unsere letzten Jahren waren unglaublich lehrreich, oft sehr hart, turbulent. Sie waren voll mit Saatkörnern, mit Wachstum, mit Tälern, deren Ende wir nicht absehen konnten. Aber sie – und Gott in ihnen – haben uns unsere Vision und vor allem unsere Berufung gezeigt. Im Laufe des letzten Jahres wurde immer deutlicher und klarer, wohin wir gemeinsam gehen wollen. Wir haben Ideen gebaut und sie wieder verworfen, Pläne geschmiedet und uns doch nicht so richtig getraut. Nicht darauf vertraut, dass das, was wir gehört und gelernt hatten, das Richtige, ausreichend, wichtig genug ist. Wir drückten für unsere Vision die Pausetaste.

Als sich dann letzten August die Möglichkeit auftat, als Lehrerin für Kunst und Deutsch am Gymnasium zu arbeiten und in den Quereinstieg ins Lehramt zu gehen, fühlte sich das zunächst für uns wie die Antwort an. Wieder mit Betonung auf die. Es gab uns die Illusion, nicht wirklich zu pausieren, sondern mit großen Schritten weiter zu gehen. Als hätte sich die Wartezeit ausgezahlt.

Quereinstieg …wohin?

In den letzten sechs Monaten habe ich mit großartigen Kindern gearbeitet und sehr nette, sehr hilfsbereite Kollegen kennen gelernt. Ich habe das System, welches ich durch meine eigenen Kindern schon weitestgehend ablehne, von der anderen Seite her erlebt und mag es noch weniger als zuvor. Ich habe genauso gelernt wie die Kinder, die ich unterrichtet habe. Ja, ich bin eine gute Lehrerin, ebenfalls etwas, was mir die letzten sechs Monate versichert und gezeigt haben. Und doch kam der Punkt, an dem ich heulend auf unserem Sofa saß und einfach nicht mehr konnte, an dem nichts mehr ging. Ich ging zum Arzt, las noch im Wartezimmer ein Buch über Hochsensibilität im Berufsleben zu Ende und ließ mich krank schreiben.

Dieser Quereinstieg, wohin hatte er mich geführt? In einen Beruf, für den ich doch nicht geeignet zu sein scheine? Zurück in ein Burn-Out, von dem ich dachte, dass ich es nie wieder sehen würde? Erneut an die Grenzen meiner Hochsensibilität? Noch weiter in den finanziellen Ruin anstatt in die erhoffte gegenteilige Richtung?

Wohin bin ich eigentlich eingestiegen? Und warum betrachte ich mich nicht als gescheitert?

Unser Leben ist ein kostbares Geschenk. Genauso wie wir selbst und all die Dinge, die in uns gelegt worden sind. Woran können wir also scheitern? Das ist eine Frage, die ich mir in den letzten Jahren immer wieder gestellt habe. An unseren Erwartungen oder vielleicht denen anderer. Auch am Leben können wir scheitern. Wenn wir es, uns aufgeben. Woran wir nicht scheitern können ist der Versuch, vorwärts zu gehen, neues Terrain zu schließen, zu wachsen und an innerer Größe zu gewinnen. Und genauso sehe ich dieses letzte halbe Jahr.

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Knotenpunkte

Stellt Euch vor, Ihr seid auf einer Wanderung und da gibt es diese Abzweigung. Sie sieht so verlockend und spannend aus, voller neuer Herausforderungen. Und schneller ans Ziel scheint sie Euch auch zu bringen. Ihr überlegt hin und her, geht ein Stück weiter Eures Weges und kehrt anschließend doch zurück, um Euch auf diese Abzweigung einzulassen. Ihr wandert, klettert, ächzt und stöhnt, beißt die Zähne zusammen, weil der Weg sich als steinig, gefährlich, beinahe unbezwingbar herausstellt. Und irgendwann entscheidet Ihr: das ist es nicht wert, ich gehe zur Kreuzung, zum Knotenpunkt. Ihr geht zwar zurück, aber seid trotzdem nicht mehr dieselben wie vorher. Ihr seid gewachsen, an Eure Grenzen gegangen. Beschreitet den vor Euch liegenden Weg mit wesentlich mehr Leichtigkeit und Motivation, Kraft und Erfahrungen.

Genauso denke ich über unser letztes halbes Jahr. Wir sind zum Knotenpunkt zurück gekehrt, nicht in ein altes Leben. Beschreiten den vor uns liegenden Weg mit so viel mehr Selbstbewusstsein, Wissen und Aufregung auf das vor uns liegende Ziel. Und allein dafür war es bereits die richtige Entscheidung. Allein schon deswegen betrachte ich meinen Quereinstieg ins Lehramt nicht als gescheitert an.

Die Kostbarkeit unseres Lebens

Weil unser Leben, wir selbst und unsere Gaben so kostbar und wichtig für diese Welt sind, möchte ich jede Situation nutzen, um genau darüber noch mehr zu lernen. Beispielsweise ist uns klar geworden, dass wir trotz all der Lernfelder in den letzten Jahren zum Thema Geld immer noch ein paar Dinge loslassen mussten. Ängste und Sorgen, die am Ende verhindern, dass wir unserer Berufung nachgehen. Ich habe auch begriffen, wie wieviel Jahre ich mich selbst einem Mutterbild verschrieben hatte, dass ich eigentlich gar nicht erfüllen will und mit dem ich endlich Frieden schließen konnte (dazu schreibe ich an anderer Stelle noch mal einen eigenen Text).

Die Kostbarkeit unseres Lebens ist das, was uns antreibt und das letzte halbe Jahr hat in dieser Wahrnehmung enormes Gewicht. Etwas, wofür ich zutiefst dankbar bin. Wir sind also wieder unterwegs, vom Knotenpunkt losgegangen. Müssen uns noch etwas erholen und sortieren, aber das kriegen wir hin. Das weiß ich jetzt.

 

P.S.: Die Bilder sind letztes Jahr in Italien, während unseres Herbsturlaubes, in der Toskana entstanden. Ich musste unbedingt meinen wunderschönen Overall fotografieren lassen, ein Geburtstagsgeschenk vom letzten Jahr! Ich freu mich wirklich sehr auf die wärmeren Tage, um endlich wieder reinschlüpfen zu können!

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4 Kommentare

  • Reply Gesa 14. Mai 2019 at 13:08

    Liebe Carolin,
    das ist ein echt starker Text – prall gegüllt mit deinem Seelenleben!
    Du hast dir diese Entscheidung nicht leicht gemacht, aber du konntest sie letztendlich mit welcher Kraft auch immer treffen. Es wird gut gewesen sein, das spürst du ja selbst gerade ganz besonders stark!
    Ich bin selbst Lehrerin. Von Anfang an, also mein Studium zielte genau darauf ab. Dennoch hatte ich oft genug diesen Gedanken und Wunsch, dass etwas anderes sicherlich auch seinen Reiz haben könnte – die Wissenschaft, die Erwachsenenbildung, das Theater, Schreiben und Bloggen vielleicht? All diesen Reizen spüre ich auch jetzt immer wieder mal phasenweise nach und nutze Gelegenheiten und Chancen auch mal andere Wege auszuprobieren. Manchmal glaubte ich mich sogar an einem wie von dir beschriebenen Knotenpunkt, blieb dann aber immer doch auf dem altbekannten Weg – mal, weil ich es so wollte und mal, weil mich äußere Umstände selbst nach einer Entscheidung meinerseits wieder ins alte Fahrwasser trieben.
    Ich kenne diese Zwiespältigkeit zwischen einem inneren Kampf gegen das System und der Zuneigung zu den Menschen, mit denen zusammen man als Lehrerin wirkt, lebt, arbeitet und schafft. Und manchmal ärgere ich mich darüber, dass mir in diesem Großen und Ganzen rund um Schule und Bildung hier so die Hände gebunden zu sein scheinen. Aber dann merke ich wieder, wie reich beschenkt ich doch auch bin mit den Möglichkeiten, die ich dann doch habe, wenn ich nur den Blick auf die Dinge ändere – all diese wunderbaren Menschen, mit denen ich zusammen arbeite, die Wege, auf denen ich die Kinder und Jugendlichen ein ganz kleines Bisschen begleiten darf, die Offenheit und Herzlichkeit, mit denen sie mir begegnen … Das sind Geschenke, die mich dann doch darin bestärken weiterzumachen und auch aufzeigen, dass Entscheidungen so facettenreich sein können.
    Und so kann ich so vieles aus deinen Erzählungen nachvollziehen – diese Zweifel, die Ängste, das Hadern, die Dankbarkeit und den Mut!
    Danke für all deine Gedanken und den Impuls, den ich selbst nochmal für mich nutzen konnte, eigene Entscheidungen und Wege zu reflektieren!
    Dir weiterhin so viel Stärke und alles Gute von Knotenpunkt zu Knotenpunkt!

    • Reply Carolin 14. Mai 2019 at 16:30

      Wow, ich hab echt Gänsehaut beim Lesen Deines Kommentars. Vielen, vielen Dank für Deine Worte und wertvollen Gedanken zum Thema und für Dich weiterhin alles Liebe!

  • Reply Lotta Stracke 14. Mai 2019 at 13:35

    Vielen Dank für deinen ehrlichen Bericht! Ich finde es toll- toll dass du die Entscheidung getroffen hast aufzuhören. Toll dein Bild vom Knotenpunkt, dem reifen, wachsen und anders versuchen. Ich kenne diese Gefühle gut und frag mich auch viel ob mein/ unser Weg noch stimmt. Ich bin ganz gespannt wie ihr weiter geht und freu mich das ich ein bisschen mit gehen darf:)
    Alles liebe Lotta

    • Reply Carolin 14. Mai 2019 at 16:22

      Ganz lieben Dank für Deine lieben Worte! Ich wünsche Euch viel Weisheit und Mut für die für Euch richtigen Entscheidungen!

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