Familie und Beziehung

Wo ist eigentlich die Bedienungsanleitung? Erziehungsratgeber und warum ich sie erst jetzt lese

21. März 2019
seedandstory.de | Wo ist eigentlich die Bedienungsanleitung? Erziehungsratgeber und warum ich sie erst jetzt lese

Irgendwann im letzten Jahr war es soweit: ich stand in der örtlichen Stadtbibliothek vor dem wirklich übersichtlichen Angebot an Erziehungsratgebern und Büchern über Elternschaft und legte, noch etwas vorsichtig, ein paar der Titel in meinen Korb. Seit mittlerweile mehr als 11 Jahren mache ich den Mama-Job und trotzdem gab es diese Situation bisher kein einziges Mal. Auch in unserem heimischen Bücherregal finden sich genau zwei Buchexemplare, die man der Gattung Erziehungsratgeber zuordnen könnte. Das eine – In Liebe wachsen von Carlos Gonzalez – empfahl mir meine Hebamme nach der Geburt meines zweiten Kindes, das andere – Das kompetente Kind von Jesper Juul – war Lektüre während des Studiums meines Mannes. 

Verrückt? Normal? Unwichtig? Ignorant? Vollkommen unvorbereitet? Ich hatte über all die Jahre mal mehr, mal weniger das Gefühl, dass ich mich dafür rechtfertigen musste, keine entsprechende „Fachlektüre“ gelesen zu haben. Und doch wusste ich immer instinktiv, dass es der richtige Weg für mich ist. Warum ich Erziehungsratgeber erst jetzt lese, davon möchte ich Euch in diesem Post erzählen. Und Euch hoffentlich damit ein wenig ermutigen, mehr auf Euren inneren Kurs zu vertrauen.

seedandstory.de | Wo ist eigentlich die Bedienungsanleitung? Erziehungsratgeber und warum ich sie erst jetzt lese

Wo ist hier die Bedienungsanleitung?

Sind wir mal ehrlich: keiner von uns wusste wirklich, auf was er sich mit dem ersten Kind einlassen würde. Denn: egal, wie viele Bücher man zu Beginn liest; egal, wie überzeugt man davon ist, seinen pädagogischen Standpunkt definiert zu haben („ich werde niemals xxx tun oder sagen“) – das, was nach der Geburt kommt, ist absolut neu. Und zwar in jedweder Hinsicht! Wir leben auf einmal mit einem vollkommen eigenständigen Menschen zusammen, der zu allem Überfluss nicht reden kann und überlebenstechnisch zu 100% von uns abhängig ist. Hinzu kommt ein übereifriger Hormonhaushalt und die Tatsache, dass unser Leben, wie wir es bisher kannten, gehörig auf den Kopf gestellt wird. Dass man sich dann eine Art Kompass oder auch Bedienungsanleitung wünscht, ist mehr als verständlich, oder? Warum schreit mein Baby denn jetzt, wo es doch gerade gegessen hat? Und wie überzeugt man diesen winzigen Menschen davon, dass man auch als Erwachsener nicht ohne Schlaf auskommen kann?

Im Grunde hat man also nur zwei Möglichkeiten. Entweder man fragt andere (Eltern) mit mehr Erfahrung oder man probiert so lange rum, bis es halt geht. Da Kinder ja aber keine Maschinen oder Geräte sind, die man einfach umtauschen kann, sind wir selbstverständlich in der Regel daran interessiert, genau die richtige Lösung zu finden und nichts falsch oder am Ende noch kaputt zu machen. Wir suchen also nicht nur nach irgendeiner Bedienungsanleitung, sondern nach der richtigen, die, mit der man auch wirklich auf der sicheren Seite steht. 

Dieses Verlangen und die Suche nach der richtigen Lösung wird auch in weiteren Erziehungsfragen stark beibehalten. Wir lesen und mischen Rezepturen zusammen, suchen uns das aus, was am besten zu uns und unserer Familie passt. So weit, so gut. Aber was passiert, wenn wir mit jeder neuen Frage, die wir haben; mit jeder neuen Situation, der wir als Eltern begegnen, eine neue Bedienungsanleitung lesen? Wir wollen mehr wissen, wollen gut vorbereitet sein! Die Frage, die ich mir immer wieder gestellt habe: kann man das als Eltern überhaupt im Vorfeld?

seedandstory.de | Wo ist eigentlich die Bedienungsanleitung? Erziehungsratgeber und warum ich sie erst jetzt lese

Spiegel und Reflexion

Mir leuchtete es immer ein, dass gute Ratschläge auch im Vorfeld Sinn machen. Sozusagen als Repertoire, auf das ich im Not- oder Zweifelsfall zurückgreifen kann. Ich glaube, mit genau dieser Einstellung lesen die meisten Eltern Erziehungsratgeber oder pädagogische Literatur. Aber nun sind wir als Familie ja kein maschinelles Getriebe, sondern ein kleiner oder großer Haufen eigenständiger Individuen, jeder mit seinen eigenen Gaben, Lebensvorstellungen und Eigenschaften. Und um uns herum fließt das unberechenbare Leben, was uns manchmal – genauso unberechenbar – auf unterschiedliche Weise berührt und verändert. Erneut also die Frage: können wir als Eltern im Vorfeld überhaupt vorbereitet sein? Macht ein Rat Sinn, wenn ich keinen Spiegel habe, auf dem ich ihn reflektieren kann?

Im Rückblick auf die letzten 11 Jahre als Familie habe ich manchmal das Gefühl, 10-20 Leben gelebt zu haben. Und so sehr sich einerseits bestimmte Werte oder Lebensansichten durchziehen wie ein roter Faden, so wenig hat das Leben, was wir jetzt führen, etwas mit dem zu tun, was ich während der ersten Schwangerschaft wusste oder erwartet habe. Im Grunde wäre es sogar ziemlich traurig, oder? Wenn sich nichts verändert, nichts entwickelt hätte.

Niemals hätte ich vor elf oder fünf oder drei Jahren sagen können, was wir heute brauchen. Selbst die grundsätzlichen Werte, auf denen wir unsere Familie begründen und nach denen wir unser Leben ausrichten, mussten und müssen immer wieder neu angeschaut und bewertet werden. Kein Buch der Welt kann das für mich erledigen, schon gar nicht im Vorfeld!

Ausmessen statt abbilden

Was nützt es mir, andere zu fragen, wie sie in einer bestimmten Situation reagieren, wenn ich selbst nicht in der Lage bin, zu reflektieren, ob die genannte Lösung überhaupt in unserer Familie anwendbar ist?! Ja, wir Menschen lernen durch Wiederholung und auch durch Nachahmung. Nachahmung bedeutet aber in seiner ursprünglichen Bedeutung gar nicht, dass man einfach etwas kopiert – sich also möglichst nah ein einem (Vor-)Bild orientiert (wie das lateinische copia nahelegt). Im Mittelhochdeutschen war ame ein Flüssigkeitsmaß und das Wort nachahmen beschrieb den Vorgang des Ausmessens. 

Ich finde das unglaublich spannend, denn eine Vermessung ist ein aktiver, reflektierter Akt, bei dem ich zum ausgemessenen Raum Stellung beziehen kann. Wenn Kinder beispielsweise eine Sprache durch Nachahmung erlernen, dann reicht es nicht, dass sie ein (Wort)Bild einfach wiederholen, sie brauchen die „Ausmessung“ der Sprache, sie müssen sie erkunden. Sonst werden sie sie niemals richtig und vor allem eigenständig anwenden können.

seedandstory.de | Wo ist eigentlich die Bedienungsanleitung? Erziehungsratgeber und warum ich sie erst jetzt lese

Die Angst, etwas falsch zu machen

Ich glaube, warum wir lieber kopieren als nachahmen, hat am Ende immer nur etwas mit Angst zu tun. Die Angst, irgendeine falsche Entscheidung zu treffen, die Angst, nicht mehr rückgängig machen zu können, was wir später als falsch oder gar schädlich einstufen. Darum bilden wir lieber ab, anstatt eigenständig auszumessen und uns so der Gefahr auszusetzen, dass wir eben auch mal daneben liegen.

Noch heute tut es mir weh, wenn ich an einige Entscheidungen denke, die wir mit unserem ersten Kind getroffen haben. Ein kleines Beispiel: als unser Sohn sechs Monate alt war, fingen wir an, ihn an Beikost zu gewöhnen. Und das, obwohl er absolut nicht bereit dazu war. Aber wir hatten es in diversen Broschüren gelesen, Hebammen hatten es uns gesagt, der Kinderarzt und andere Eltern auch. (Allein daran sieht man übrigens, wie sehr solche Ratschläge nichts mit der individuellen Familie, sondern auch mit Zeittrends zu tun haben. Vor knapp elf Jahren hat beispielsweise noch keiner in unserem Umfeld über Baby Led Weaning gesprochen…)  Das Ergebnis jedenfalls badeten wir über viele Jahre aus. Ein Kind, welches das Essen ständig erbrach, lange Zeit überhaupt nichts essen wollte oder nur absolute Trennkost und die immer gleichen Gerichte bevorzugte. Der Punkt daran ist aber nicht, dass es besser gewesen wäre, diese Fehlmessung von vornherein zu vermeiden (für unseren Sohn natürlich schon!). Wir haben daraus unglaublich viel gelernt, es hat uns in dem, was uns für unsere Elternschaft wichtig war und immer noch ist, entscheidend voran gebracht.

Wer ausmisst, kann wachsen

Ja, wir mussten dafür einen Fehler machen und ja: unser Kind war in diesem Fall der Leidtragende. Und klar macht mir das etwas aus, viel sogar. Aber es hat mich auch vorbereitet für die zwei Kinder, die nach unserem Sohn auf die Welt gekommen sind. Darauf, dass auch diese beiden ein vollkommen individuelles Essgefühl hatten (und haben) – so wie jeder Mensch es wahrscheinlich hat. Es hat mich fit gemacht dafür, dass ich jedem meiner Kind gerade beim Thema Essen sehr einfühlsam und ohne Druck begegnen muss. Das gilt nicht für alle Familien dieser Welt, aber für unsere! Und auf die kommt es für mich als Mutter ja an.

Wenn wir nicht nur abbilden, sondern ausmessen, dann haben wir eine echte Chance auf Wachstum. Denn wir haben das Prinzip, quasi die Formel hinter den Dingen, verstanden. Wir halten Selbstzweifel besser aus, lernen, mit der Angst umzugehen, auch mal falsche Entscheidungen zu treffen – und am Ende lernen wir vor allem, eben diese falschen Entscheidungen zu reflektieren und sie uns zu verzeihen. Und sie werden kommen, diese Fehler und Situationen, die wir manchmal am liebsten ungeschehen machen möchten – egal, wieviele Bücher wie gelesen haben, egal, welchem pädagogischen Konzept wir mit ganzer Leidenschaft anhängen.

Aus diesem Grund lese ich erst jetzt Erziehungsratgeber und Bücher über Elternschaft. Und ja, tatsächlich auch welche, die eigentlich für Familien mit Kleinkindern gedacht sind. Als Bedienungsanleitung gesehen, sind sie eigentlich nicht mehr wichtig, bin ich viel zu spät. Als Spiegel helfen sie mir jedoch ungemein weiter. Weil ich sagen kann: stimmt, das ist ein guter Ansatz. Oder: nein, das kann ich absolut nicht bestätigen, wie gut, dass ich darauf nicht gehört habe. 

seedandstory.de | Wo ist eigentlich die Bedienungsanleitung? Erziehungsratgeber und warum ich sie erst jetzt lese

Family is a messy business

Ich möchte Euch ermutigen! Messt Euch und Eure Familie aus! Habt keine Angst davor, Fehler zu machen. Neulich sah ich eine Instagram-Story einer meiner liebsten Accounts. Sie hatte mit ihrem Neugeborenen eine Art kleinen Unfall, der durch die Unachtsamkeit seiner älteren Geschwister aus seinem Körbchen durch die halbe Küche flog. In ihrer Story hinterher sagte sie scherzhaft, dass die anklagenden Nachrichten weniger gewesen seien als die mit den Geschichten von Eltern, denen schon einmal etwas ähnliches passiert ist. Was ich so toll an dieser Story fand, war die immense Ehrlichkeit, mit der sie über sich als Mutter und über Elternschaft sprach! Was nützt uns die Absicherung in alle Richtungen, wenn wir am Ende im Falle eines Falles nicht in der Lage sind zu handeln? Familie ist chaotisch, wild, unberechenbar – so, wie das Leben eben ist.

Wir brauchen keine Bedienungsanleitung für unsere Familien, für unsere Kinder oder unsere Elternschaft. Was wir brauchen, alle miteinander, ist die Fähigkeit, die Welt zu vermessen und zwar immer wieder neu. Wer sonst sollte unsere Kinder denn hindurch begleiten können? Und nein, das heißt nicht, dass alle Ratgeber und pädagogischen Bücher schlecht, nicht lesenswert oder überflüssig sind! Auf gar keinen Fall! Es heißt einfach nur, dass es Sinn machen kann, auf das eigene Wissen und die eigenen Fähigkeiten zu vertrauen, bevor man sich dazu entschließt, vor lauter Angst einfach ein Familienbild zu kopieren, das sowieso niemals das eigene werden kann.

 

Das könnte Dich auch interessieren

1 Kommentar

  • Reply Steffi 30. März 2019 at 11:32

    Liebe Carolin,
    wie schön, dass ihr so sehr euren eigenen Weg finden, vermessen und gehen konntet und könnt! Wir haben zwar noch keinen Nachwuchs, aber ich wünsche mir, dass uns das irgendwann auch gelingt. Es ist auch als Erwachsener schon so schwer, sich von Erwartungen anderer frei zu machen – wie verrückt das mit einem Kind oder gar mehreren sein muss, kann ich nur erahnen, wenn ich mich in der Familie und dem Freundeskreis umschaue…

    Weiter so, ihr macht das großartig und ich folge dir so gerne!

    Viele liebe Grüße und ein schönes Wochenende
    Steffi

  • Kommentar hinterlassen