Familie und Beziehung

sen.sibel | Normalität und Akzeptanz bei Hochsensibilität

8. Februar 2019
seedandstory.de | Normalität und Akzeptanz bei Hochsensibilität

Darf ich mir eigentlich wünschen, dass mein hochsensibles Kind normal ist? Halt mehr wie die anderen? Und darf ich deswegen meinem Kind verheimlichen, was es anders und damit irgendwie besonders macht? Ich bin dieser Frage nachgegangen – Normalität und Akzeptanz bei Hochsensibilität, was bedeutet das eigentlich?

Ich glaube, es ist die Eigenart der meisten Lebewesen auf diesem Planeten, dass sie gleichgesinnte oder gleichartige Gegenüber erkennen. Das macht natürlich auch Sinn. Denn sobald wir sehen, dass wir mit unserem Wesen nicht alleine sind, kommt unser auf soziale Gefüge ausgelegtes Inneres wieder zur Ruhe. Wir verlassen die Einsamkeit, fühlen uns verstanden und verbündet. Je mehr Artgenossen wir finden, umso stärker werden diese Gefühle und umso offensichtlicher wird auch für andere, die nicht dieser Gruppe an Gleichgesinnten angehören, dass eben jene Besonderheit kein Einzelfall, sondern eine gewisse Norm darstellt. Und mit der Norm geht eine allgemeine Akzeptanz einher.

Allgemeine Akzeptanz

Ich glaube, aus diesem Grund wünschen sich auch viele Eltern, dass ihre Kinder „irgendwie normal“ sind. Das macht es in so vielen Dingen einfacher! Das Gefühl der Einsamkeit wird minimiert, man kann sich – prozentual gesehen – wesentlich mehr Ratschläge von einer großen Menge Gleichgesinnter einholen, man wird verstanden und damit vor allem akzeptiert! Und auch, wenn das nicht in unser individualistisches Gesellschaftsbild passt – äußere Akzeptanz macht uns oftmals sicher und gibt uns Bestätigung, dass richtig ist, was wir tun.

Aber was, wenn ich merke, dass da irgendwas anders ist als bei all den anderen? Wenn mein Kind ständig schreit, sobald ich auch nur das Haus verlasse? Sich hinter mir versteckt, sobald jemand Fremdes oder gar auch Bekanntes auftaucht und meinen „Rockzipfel“ auch für die nächsten zwei Stunden nicht loslässt? Wenn es ständig erschöpft ist, obwohl es doch genug schläft, immer und immer nur das gleiche essen will? Wenn es mit anderen Kindern nicht klar kommt, nichts von dem anziehen will, was im Kleiderschrank hängt? Was, wenn gefühlt nichts auf das Kind vor mir zutrifft, was die meisten meiner Bekannten oder Freundinnen über ihre Kinder erzählen? Was ist, wenn mein Kind einfach nicht dieser Norm entsprechen will?

Gleich und gleich und trotzdem anders

Um nochmal an oben anzuknüpfen – Gleichgesinnte erkennen (und finden) sich, so ist es oft auch bei hochsensiblen Menschen. Ich erkenne in der Regel (gerade auch bei anderen Kindern) sofort, ob da ein Artverwandter vor mir steht oder nicht. Das trifft übrigens auch für Kinder zu, die wahrscheinlich extrem intelligent oder sogar hochbegabt sind. Und wie oft habe ich dann schon gehört: nein, das will ich aber nicht. Ich will nicht, dass mein Kind anders oder gar besonders ist. Sprich nicht darüber, ich will es nicht mal hören!

Bei allem Verständnis für das Elternteil. Denn dieses sagt einen solchen Satz ja nicht aus mangelnder Liebe dem Kind gegenüber, sondern meistens aus genau dem Gegenteil heraus: weil es das Kind liebt und Angst davor hat, das eigene Kind könne irgendwie anders, nicht normal und damit nicht akzeptiert sein. Aber ganz ehrlich: haben wir denn darin ein Sagen? Spielt es eine Rolle, ob wir das wollen oder nicht? Es ist ja nicht so, als könne man sich aussuchen, wie sein Kind ist. Genauso wenig, wie das Kind selbst einen Einfluss darauf hat. Wir kommen zur Welt, wie wir geschaffen wurden. Ob hochbegabt, normal begabt, hochsensibel oder normal sensibel.

Akzeptanz

Die Akzeptanz, also die Normalisierung, fängt bei uns und damit bei der wichtigsten und gleichzeitig engsten Beziehungseinheit für das Kind an. Wir müssen akzeptieren, wie unser Kind ist und es damit normal machen. Das gilt ja auch für uns selbst als Erwachsene. Wenn wir nicht akzeptieren, wer und wie wir sind, wie wir ticken, wie wir gemacht sind – dann werden wir niemals das volle Potenzial entfalten können, was in uns gelegt wurde.  Wir werden immer wieder an denselben Fragen hängen bleiben und keine Antwort darauf finden können. Wieviel wichtiger ist es für unsere Kinder, für die wir die Fürsorge tragen und für deren Entfaltung wir eine wichtige Verantwortung tragen?

Ja, wir können uns wünschen, dass unser Kind anders wäre, normaler, weniger besonders, vor allem weniger kompliziert. Aber es wird nichts ändern und schon gar nichts Positives bewirken. Wir werden unserem Kind damit die Unterstützung verweigern und ihm den manchmal einzigen Verbündeten verwehren, den es dringend braucht! Selten führt Verdrängung zu positiver Entwicklung oder gar Entfaltung.

Normalität als Wahl

Hochsensible Kinder spüren in ihrem Alltag immer und immer wieder, dass etwas anders ist. Sie kommen oft genug weder mit sich noch mit ihrer Umgebung klar und wünschen sich gleichzeitig nichts sehnlicher als das. Denn wer wünscht sich nicht Akzeptanz und Normalität? Eben.

Hochsensibilität ist keine Krankheit, es ist auch kein Stigma oder etwas, was man in den Griff bekommen kann oder gar muss (und das gilt auch für Hochbegabung! Aber dazu ein anderes Mal mehr und vor allem ausführlicher…)! Es ist schlicht und einfach ein etwas anderes Betriebssystem. So wie manche auf Apfel- und manche auf Computer mit kleinen Fenstern setzen… Das Prinzip ist das Gleiche. Es sind alles Computer. Aber die unterschiedliche Bedienung zeigt sich manchmal in großen und meistens in sehr vielen kleinen Unterschieden. Ja, ich weiß, es ist ein schwaches Bild. Aber trotzdem ein ganz Zutreffendes. Mit Hochsensibilität kann man mehr als gut leben – wenn man sich darauf einlässt. Und auch ein hochsensibles Kind ist vollkommen normal. Es wird zumindest nicht normaler, wenn wir ignorieren, was und wie es gestrickt ist. Es wird nur dazu führen, dass es sich selbst unverstanden fühlt und sich nicht akzeptieren kann. Und aus Kindern werden, wie wir alle wissen, irgendwann Erwachsene…

Die Kinder, die uns anvertraut wurden, sind unsere Verantwortung. Weil wir ihre Eltern sind. Das ist unser Job und den sollten wir so gut wie es geht erfüllen. Erst recht, wenn die Norm, die sie darstellen, ein wenig kleiner ist als die der anderen. Lassen wir dafür unsere Akzeptanz um so größer sein!

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1 Kommentar

  • Reply Rena 15. Februar 2019 at 10:03

    Liebe Carolin,
    Danke für deine Gedanken über hochsensible Kinder und den Umgang mit ihnen.
    Die allgemeine, gesellschaftliche Akzeptanz ist immer noch gering, finde ich.
    Die familiäre Akzeptanz dafür um so wichtiger, denn wie schnell bildet sich in der hochaktiv-komplexen Gedankenwelt eines heranwachsenden, hochsensiblen Kindes der Gedanke: „So wie ich bin, bin ich nicht okay. Ich bin anders als andere und eine Last.“
    Ich bemühe mich täglich – Gott sei Dank mit meinem Mann an meiner Seite – meiner 7 jährigen, hochsensiblen Tochter mitzuteilen: du bist gut so, wie du bist! Du bist wunderbar geschaffen und geliebt, mit all deinen Stärken und Schwächen.
    Doch manchmal fällt es mir schwer Akzeptanz auch fernab der Worte zu zeigen.
    Und was, wenn wir unseren Kindern als Verbündete zur Seite stehen und dabei manches Mal gegen ihre eigenen Wünsche stehen? Ihnen wie Gegner vorkommen. Weil ich meiner Tochter beispielsweise das Treffen mit der liebsten Freundin an einem bereits vollen Tag nicht erlaube. Weil ich weiter sehe als sie, die schlaflosen Stunden im Bett erahne, die die Überforderung durch den Tag mit sich bringen würde.
    Da bin ich doch manchmal froh, dass mein Zweitgeborener normal sensibel ist. Nicht weil es dadurch immer einfach mit ihm wäre, aber die Komplexität im Umgang und den Folgen der eigenen Handlungsweisen ist merklich geringer.
    Es würde mich sehr interessieren, wie du selbst damit umgehst, wenn du als Verbündete auf Widerstand stößt… sei es von deinen Kindern selbst oder durch die Umwelt.
    Danke, dass du einen Teil deiner Gedanken hier teilst.
    Grüße aus Hamburg
    Rena

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