seedandstory.de | Ein Kürbisfest in den Apuanischen Alpen

Ein Kürbisfest in den Apuanischen Alpen {Piegaio, Toskana}

Angesichts des grauen, unwinterlichen Nordseegraus da draußen und all der Erkältungsviren, die hier momentan umgehen, brauch ich etwas Farbe, Sonnenstrahlen und ein wenig bella vita. Deswegen nehme ich Euch heute mit nach Italien. Wir fahren in die Apuanischen Alpen im Norden der Toskana, schlängeln uns immerhin auf über 500m den Berg in ein kleines Dorf namens Piegaio hinauf und mischen uns bei warmem Oktober-Sonnenschein unter die Einheimischen, während sie ihr festa della zucca feiern.

Für mich immer das Besondere am Reisen ist die Begegnung mit den Menschen, die dort leben, wo wir nur kurz zu Besuch sind. Es ist das innere Ticken, die Atmosphäre, die dadurch erst spürbar wird. Es ist eine Chance, das Unbekannte tatsächlich kennen zu lernen – und wenn es nur für zwei Stunden auf einem gemeinsamen Fest ist.

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festa della zucca in Piegaio

Der Sonntagnachmittag, an dem wir zum Kürbisfest aufbrachen, war wunderbar mild und perfekt geeignet, den außergewöhnlichsten Kürbis des Dorfes zu wählen, gemeinsam frische Pasta oder Zuckerwatte zu verspeisen und an all den Ständen mit Handwerk oder lokalen Spezialitäten entlang zu bummeln.

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Die entspannte und lebensnahe Einstellung der Italiener zeigt sich schon, als wir uns mit dem Auto den Berg hocharbeiten und nach einem Parkplatz suchen. Der Rand des Sportplatzes, der dafür extra reserviert worden war, wurde kurzerhand um ein paar Obstwiesen und Felder erweitert und kreativ mit Autos bestückt (zu deutsch: man parkt halt dort, wo das Auto stehen bleibt. Punkt.). Wir liefen anschließend noch ein gutes Stück bis ins Dorf hinein und tauchten dann in die schmalen Gassen des winziges Örtchens eins. Ich glaube, mehr als eine Hand voll Straßen und Häuser gehörten nicht dazu.

Kürbisse, Raubvögel und ein Pinocchio aus Holz

Die Haustüren, Grundstücke und Randsteine waren herbstlich geschmückt und auch außerhalb des eigentlichen Festplatzes gab es viel zu sehen und zu bestaunen. Eine Falknerei hatte einige ihrer wunderschönen Tiere wie Uhu, Käuzchen und verschiedene kleinere Raubvögel mitgebracht. Ein paar Schritte weiter schauten wir einem Signore zu, der neben Schalen, Brettern und verschiedenen anderen Gebrauchsgegenständen aus Olivenholz eine mobile Drechselbank dabei hatte. Mit dieser fertigte er vor unseren Augen kleine Holzfiguren in wenigen Minuten an. Die Kinder waren unglaublich fasziniert davon und kaum zum Weitergehen zu bewegen. Und wir gaben einer kleinen Pinocchio-Figur aus Holz ein neues Zuhause. 

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Als wir schließlich den eigentlichen Festplatz neben der Sporthalle erreichten, tauchten wir mitten hinein ins italienische Sonntagsleben und ließen uns davon tragen. Ich hatte im Vorfeld keine wirkliche Vorstellung davon, wie die Italiener wohl so sind. Hatte aber wohl doch eine Art leise, voreingenommene Meinung, dass laut und zudringlich die richtige Beschreibung sei. Tatsächlich haben wir die Bewohner der Toskana als unglaublich zurück haltende, freundliche und höfliche Menschen kennen gelernt. Vor allem mit Kindern und wenn man sich mit einer Hand voll radebrechender Vokabeln versucht zu unterhalten. Und so war es auch hier in diesem kleinen Bergdorf.

Bella vita

Ich teilte mir mit den Kindern eine Zuckerwatte und wir schlenderten von Stand zu Stand. Bestaunten Würstchenberge, Pyramiden aus Honiggläsern – gewonnen aus Akazien und Esskastanien, die Spezialität der Region – wunderschöne handgeschnitzte Schalen aus altem Holz und führten eine charmante Unterhaltung mit einer Frau, die aus der Ernte ihres Grundstückes ein paar Flaschen Olivenöl selbst gewonnen hatte. Wir erwarben eine Flasche, naschten leckere Kekse und bestaunten die wunderschönen porcini, die die Frauen in den heimischen Wäldern ringsherum gesammelt hatten. Dort in den Bergen lebt man nah mit der Natur, ernährt sich von ihr, respektiert sie und weiß sie zu nutzen. Dieses Gespräch ist mir im Übrigens besonders in Erinnerung. Keiner von uns spricht Italienisch (obwohl ich zugeben muss, dass mir mein Gefühl für Sprache [und meine Übersetzung-App auf dem Handy ;-)] zumindest beim Verstehen und schnell lernen sehr hilfreich ist), ich beherrsche nicht mehr als ein paar Worte. Die Italiener wiederum sprechen weder deutsch noch englisch. Und trotzdem entspann sich ein ganz zartes Band der Vertrautheit allein bei dem Versuch, voneinander zu lernen und dem Fremden das Eigene näher zu bringen.

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Auch bei einem kleinen Stand mit handgetöpfertem Geschirr wurden wir fündig und nahmen zwei kleine Schälchen mit nach Hause. Mich machen genau diese Erinnerungsstücke sehr, sehr glücklich. Sie erzählen mit die Geschichte eines Nachmittages, an dem ich sehen konnte, wie wichtig solche Dorffeste für die Italiener sind. Man miteinander zusammen kommt, frisches Essen genießt, hierhin und dorthin ein fröhliches Ciao ruft und miteinander für ein paar Stunden das Leben genießt. Und sie halten mir in Erinnerung, dass ich für einen kurzen Augenblick Teil dieser Geschichte sein durfte. Kein Fremder war, sondern Teil einer eigentlich fremden Gemeinschaft.

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Solltet Ihr also einmal die Gelegenheit haben, bei Euren Reisen an einem einheimischen Fest teilzunehmen, dann kann ich das nur uneingeschränkt empfehlen. Es ist eine Erfahrung, die das Reiseherz erfüllt zurück lässt.

Eure Carolin

P.S.: Leider habe ich auf der gesamten Toskana-Reise, von der ich Euch noch weiter berichten werde,  aus verschiedenen Gründen viel zu wenig fotografiert. Deswegen gibt es von diesem Kürbisfest auch kein einziges Foto mit einem Kürbis drauf ;-).

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