seedandstory.de | Deine Probleme möchte ich haben

Deine Probleme möchte ich haben

{enthält unbezahlte Werbung für Stoff/Schnittmuster}

Ich kann nicht mehr

Hinter mir liegen harte Wochen. Wochen, die mir jede Menge Falten der Erschöpfung und sehr dunkle Schatten unter meinen Augen eingebracht haben. Dabei ist eigentlich nichts Schlimmes passiert, im Gegenteil. Es ist sogar gut und hat eine Veränderung herbei geführt, auf die wir schon lange gewartet haben. Und trotzdem: gestern Abend saßen mein Mann und ich zusammen vorm Feuer, ein Stück Schoki im Mund und sagten uns gegenseitig, dass wir einfach nicht mehr können. Dass der Akku leer ist, sämtliche Energiereserven aufgebraucht sind.

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Darf man das eigentlich? Darf man erschöpft sein, unter einem Druck zusammen brechen, der eigentlich gar nichts Schlechtes sein möchte? Darf man sich beschweren, obwohl man genau weiß, dass es anderen doch so viel schlechter geht? Was ist, wenn man einfach nur mal gehört werden möchte in seiner Belastung – und die Beschwerde gar keine ist, sondern vielmehr eine Wortmeldung: „Bitte hör mir zu, ich brauch doch einfach grad nur ein wenig Unterstützung und dann geht es weiter.“

Deine Probleme möchte ich haben

Vielleicht kennt Ihr die Situation. Dass Ihr auf die Frage „Wie geht es Dir?“ ehrlich antwortet „Nicht so gut.“ Und das Gegenüber hört nicht zu, wechselt das Thema oder tut Eure Antwort mit einem Schulterzucken ab. Vielleicht kennt Ihr auch die Menschen, denen es aus Prinzip immer schlechter geht als allen anderen. Die mit „Deine Probleme möchte ich haben.“ alles als nichtig ab tun, was Ihr gerade zu tragen habt.

Und dann? Dann bleibt man unter Umständen zurück und fragt sich: interessiert denn niemanden, wie es mir wirklich geht? Jammere ich etwa auf hohem Niveau? Hab ich am Ende gar nicht das Recht, erschöpft zu sein, nicht mehr zu können, mich anlehnen zu wollen anstatt immer nur selbst zu tragen? Und dabei spielt gar keine Rolle, was der eigentliche Grund ist. Denn es wird immer jemanden geben, dem es (vermeintlich) schlechter geht als uns. Der keinen Partner hat, der ihn unterstützt. Nicht nur ein Kind, sondern gleich zwei, drei oder vier zu versorgen hat. Einen Job erledigen muss, der ihm keinen Spaß macht. In einer Wohnung statt in einem Haus wohnt. Die Liste ließe sich noch endlos fortsetzen.

„Deine Probleme möchte ich haben.“ Darf man eigentlich so einen Satz sagen? Die Frage wäre dann wohl nur konsequent. Meine Antwort darauf wäre: ja, darfst du – wenn du bereit bist, die Konsequenzen zu tragen. Denn sind wir doch mal ehrlich: bei so einem Satz sieht man ausschließlich einen Mangel bei sich oder im eigenen Leben, den der andere (wiederum vermeintlich) nicht erleiden muss. Er oder sie hat einen Partner, genügend Geld, keine Krankheit, ein großes Haus, den Traumjob. Wir sind davon überzeugt, dass es dem anderen gar nicht schlecht gehen kann – schließlich hat er, was uns fehlt. Es ist nicht schwer, die Absurdität dahinter zu erkennen, oder? Wir machen uns zur Messlatte im Leben des anderen und reagieren getroffen oder gar beleidigt, wenn er oder sie nicht angemessen dankbar darauf reagiert.

Deine Probleme möchte ich tragen

Wie wäre es denn, wenn wir stattdessen sagen „Deine Probleme möchte ich tragen.“ Wenn wir den anderen fragen, ob er sich einfach einmal anlehnen möchte. Warum und welche Last er trägt. Wenn wir akzeptieren, dass niemand anderes die Messlatte seines Lebens sein kann. Wenn wir, bevor wir etwas Unbedachtes, Verletztendes sagen, prüfen: jammert derjenige wirklich auf hohem Niveau (und wir alle wissen, dass es das gibt) oder bin ich hier eigentlich derjenige, der einen Mangel erleidet und den anderen dafür verantwortlich machen möchte?

Gerade die Zeit vor Weihnachten sensibilisiert mich besonders für solch eine persönliche Herausforderung. Wenn ich mich darauf vorbereite, dass jemand eigentlich Vollkommenes in einem dreckigen Stall zur Welt gekommen ist, um mir zu sagen „Deine Probleme möchte ich tragen.“ Kann ich dann nicht das Mindeste tun und selbst genauer hinhören, wenn mir jemand sagt: ich kann nicht mehr?

Ich bin gespannt, wie Ihr das seht!

Eure Carolin


Offenlegung | Die wunderschöne Strickjacke auf den Fotos habe ich mir übrigens selbst genäht, aus einem Strickstoff von Junidesign nach einem Schnitt von prülla. Stoff und Schnittmuster wurden mir liebenswerterweise zur Verfügung gestellt – vielen Dank noch einmal an dieser Stelle!

  1. Christine Will

    Liebe Caroline!
    Ich kann das gut verstehen, empfinde es ähnlich. Das Vergleichen führt einfach in die falsche Richtung. Jeder hat seine eigenen Empfindlichkeiten, Kräftereserven, Bedürfnisse, Prägungen und muss sich in seinem Leben lernen wohlzufühlen oder etwas zu verändern. Das kann einem niemand abnehmen. Der andere ist immer auch Geheimnis und deswegen eigentlich auch nicht zu beurteilen (eigentlich…). Ich denke immer, wie sehr sich Menschen, auch ich, doch danach sehnen, gesehen und geliebt zu werden -ohne wenn und aber, hätte, könnte, müsste…einfach so. Damit können wir uns gegenseitig das größte Geschenk machen – einfach so.
    Genau in diesem Sinne wünsche ich Dir eine mit Liebe von Gott und Mensch gefüllte Advents-und Weihnachtszeit
    Christine

    • Liebe Christine, ich mag den Satz „Der andere ist immer auch Geheimnis…“ Ja, das ist so und das sollten wie in der Sicht auf den anderen auch nicht vergessen! Vielen Dank für Deine Wünsche!

  2. Deine Probleme möchte ich haben, ich habe gerade überlegt, ob mir das schon mal jemand gesagt hat. Nee, so direkt nicht. Aber schon indirekt. Als mein damals noch Einzelkind ständig krank war (sei doch froh, du hast NUR ein Kind….“ von den Kollegen nachmittags mit „da geht’se, die Teilzeitkraft“ nach hause geschickt werden und ich an manchen Tagen im Fahrstuhl bereits in Tränen ausgebrochen bin,weil mir ein Nachmittag bevorsteht, wo ich mal wieder kaum wusste wo vorne und hinten ist….
    Ich glaube einfach, nein ich weiß es, dass jeder einfach persönliche „Ressourcen“ hat und dann ist irgendwann Schluss. Ich hab eine Freundin mit Zwillingen, ca gleich alt wie mein Kleinster. Wenn wir schön spazieren waren mit den Babies, durfte ich trotzdem erschöpft heulen, auch wenn ich weiß, und sie weiß, dass sie nachts zwei Babies dauergestillt hat.

    Schön, dich hier auch wieder zu lesen 🙂

    • Lieben Dank, ich freu mich auch, wieder hier zurück zu sein :-). Eine tolle Freundin, die dich gestützt hat!

  3. Liebe Carolin,
    und ob du das darfst… Ich habe mich beim Ansehen deiner Storys in letzter Zeit öfter gefragt, wie du das alles schaffst, neuer, herausfordender Job, Kinder, Stoffe designen, Arbeit auf social Media… das ist ja wohl mehr als genug um den Akku vollständig zu entladen. Dazu kommt ja auch immer noch die auseinandersetzungen im Inneren, schaffe ich das, bin ich gut genug usw…
    Und ich finde den Vergleich mit anderen schwierig. Ich erlebe gerade die schlimmste Vorweihnachtszeit meines Lebens mit großer finanzieller Not, weil Anträge bei Ämtern nicht bearbeitet werden, Trennung vom Partner, Auszug meines zweiten Kindes und die damit herausfordernde Situation mich zum ersten Mal in meinem Leben dem Alleinleben zu stellen und das alles in einer sowieso noch recht fragilen psychischen Verfassung. Aber trotzdem kann ich das Leid der anderen sehen, verstehen und mitfühlen, versuche zu unterstützen in dem ich zuhöre und signalisiere einfach da zu sein. Jeder hat sein eignenes Päckchen, das nicht nur aus äußeren umständen besteht, sondern aus einem so komplexen Inneren, das keiner sehen und schon gar nicht beurteilen kann.
    Ich wünsche dir, dass dich ganz viele Manschen einfach in den Arm nehmen und dass du die weihnachtstage nutzen kannst um zur Ruhe zu kommen, deine Akkus wieder aufzuladen und dann zu gucken, an welcher Stelle zu in Zukunft noch besser für dich sorgen kannst.

    Ganz liebe Grüße
    Elisabeth

  4. Es ist wie immer das Mass der Dinge. Ja, das darf man sagen ‚Ich kann nicht mehr.‘ Empfinde das aktuell auch so. Trotz 30h-Srelle in 11 km Entfernung, trotz gesunden Kindern, trotz intakter Ehe, trotz Haus und guter Gesundheit… Ich finde man darf sagen, dass es einem nicht gutgeht. Was ich nicht leiden kann, ist ein Jammern mit Neidfaktor, wenn der andere auf andere schaut und vergleicht…. Wofür sind Freunde sonst da, um nicht auch die Wahrheit zu erfahren und mizutragen…

  5. Pingback: LiebLinks am Freitag — a lovely journey

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