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Oh, Du schönes Nordfriesland! | Von Husum bis Tönning

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Mit Nordfriesland verbindet man wohl unweigerlich Weite, Platz zum Atmen und den Geruch von Meeressalz in der Nase. All das findet man dort auch, dazu jede Menge Windräder und Wiesen, auf denen im April – zum Zeitpunkt unserer Reise – zuhauf die Lämmer springen. Und man verpasst nicht gerade wenig, wenn man meint, mit Sylt und Sakt-Peter-Ordning das Wichtigste oder wahlweise Schönste gesehen zu haben. Ein unfassbar gutes Steak- und Burger-Restaurant zum Beispiel, an dem man nicht mal eben zufällig vorbei fährt. Ein ungestörtes Feierabendbier an vorderster Wasserkante, den Sonnenuntergang auf dem Präsentierteller. Oder auch ein wunderschönes Antiquitätengeschäft zweier Schwestern, aus dem man unmöglich mit leeren Händen wieder herausgeht.

Ein Wochenende in Nordfriesland

Unser Wochenende in Nordfriesland verbinde ich mit Ruhe und einem „Moin“, auf das – im Gegensatz zu hier – tatsächlich nichts weiter folgt. Weil damit eben alles gesagt ist. Die Sonne scheint und der Himmel spannt sich blau und weit über uns, als wir mit der Fähre über die Elbe setzen. Von Cuxhaven aus ist es eigentlich gar nicht weit bis zu unserem Ziel, Luftlinie gerade mal ca. 150 km. Für die brauchen wir (unseren Ausflug nach Tønder nicht eingerechnet) aber um die drei Stunden. Allein die Anreise verlangsamt also unseren Puls.

Küsten-Cottage

Und so kommen wir bereits vollkommen entspannt an der alten Mühle in Ost-Bargum an, wo wir im ehemaligen Mühlenhaus für die nächsten zwei Nächte Quartier beziehen. Julia und ihr Mann Volker haben mit viel Liebe auch zum historischen Detail im vorderen Teil ihres restgedeckten Juwels eine Ferienwohnung eingerichtet. Das Küstencottage empfängt uns mit nordischer Hyggeligkeit und macht uns das Wochenende durch seine wunderschöne Ausstattung leicht und angenehm.

{Das Küsten-Cottage bei Airbnb}

Dat Lütte – Steak- und Burgerhus Ockholm

Da Zeit zu zweit für uns rar und damit besonders kostbar ist, wollen wir den ersten Abend mit einem besonders leckeren Essen ausklingen lassen und fragen Julia nach einer Empfehlung. Sie schickt uns nach Ockholm, wo vor ein paar Monaten ein Steak- und Burger-Restaurant eröffnet hat. Wir fahren Richtung Dagebüll und lassen uns von der Navi-App durch Feld und Flur, vorbei am hundertsten Windrad führen.

Das Restaurant ist schlicht, angemessen rustikal und mehr als angenehm zurückhaltend-stylish gestaltet. Aufgesetztes Hipstertum braucht es hier nicht. Als wir das Essen serviert bekommen, ist auch klar, warum. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so ein unfassbar gutes Essen genossen habe. Die Portionen sind zwar leider zu groß für uns, aber wir haben schließlich auch nicht den Tag auf dem Feld mit harter Arbeit zugebracht. Auch beim Publikum verzichtet man auf aufgesetzte Einseitigkeit. Übrigens kann man die Tiere, welche hier verarbeitet werden, an der Weide besuchen, der Pfad dorthin beginnt direkt hinterm Haus. Nachhaltiger, regionaler und direkter verarbeitet kann man sich eine gastronomische Küche also kaum wünschen.

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Schlüttsiel

Zum Abschluss fahren wir über den kleinen Fähranleger Schlüttsiel, von dem aus man zu den Halligen Hoge Langeness, sowie nach Amrum gelangt, zurück und sind mit schierer, tiefer Begeisterung gefüllt. Ein Sonnenuntergang, wie er schöner kaum sein könnte. Nebelschwaden, die aufgrund eines anstehenden Temperaturwechsels aufziehen und sich als Schleier übers Wasser legen. Lämmer, die, an die Seite ihrer Mütter gekuschelt, schon eingedöst sind. Unmengen an Ringelgänsen, die aus wärmeren Gefilden zurück gekehrt sind und sich zur Rast niedergelassen haben. Graugänse und Enten, die ihre Jungen zielstrebig und mit großer Umsicht ins Wasser führen. Lauter große und kleine Naturwunder, die uns dort umgeben.

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Husum

Ohne Kinder stand für uns ganz klar auch ein Shoppingbummel auf dem Programm. Schon im Vorfeld hatten wir uns vorgenommen, Husum, der grauen Stadt am Meer, einen Besuch abzustatten. Das letzte Mal – unser erster Urlaub als dreiköpfige Familie – lag immerhin schon um die neun Jahre zurück.

Husum hat nicht einmal halb so viele Einwohner wie Cuxhaven. Bereits nach der ersten halben Stunde sind wir begeistert von so viel individuellem Flair trotz der ganzen Touristen (zu denen wir ja auch gehören) und fragen uns während unseres Aufenthaltes immer wieder: wieso ist das hier nicht möglich?

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Wir bummeln am Binnenhafen entlang. Eigentlich rechne ich nicht damit, gleich im ersten Geschäft fündig zu werden, verlasse den Laden jedoch glücklich mit einem Wollfilzhut, wie ich ihn mir tatsächlich schon immer gewünscht habe! Die Verkäuferin macht einen etwas belustigten, aber zufriedenen Eindruck ohne darüber viele Worte zu verlieren. Auch ihre Beratung ist präzise wortkarg. Das wird nicht das letzte Mal an diesem Tag sein, dass ich denke: von den Nordfriesen trennt uns nicht nur die Elbe, sondern doch ein ganz anderer Schlag an norddeutschem Verhalten. Mag ich.

Wir laufen weiter Richtung Norden, erst die Hohle Gasse und weiter die Neustadt entlang. Hier reihen sich weiter lauter wunderschöne, Inhaber geführte und individuelle Läden aneinander, unterbrochen von kleinen Cafés und Restaurants.

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Alter August {Neustadt 9}

Wir kehren im Alten August ein und lassen uns von der freundlichen Angestellten die Geschichte des Ladens erzählen. Die Besitzerin, Enkelin des Alten August, der in seiner ganzen Erhabenheit als Porträt hinter der Kasse den Laden im Blick behält, hat aus der ehemaligen Metzgerei (der Betrieb ist noch heute in Familienbesitz) und dem Elternhaus einen Concept Store, der jedem großstädtischem Anspruch Genüge tut, eingerichtet. Ein Paradies für Foodies, in dem die Produkte allesamt handverlesen sind und weitestgehend aus regionaler (oder eben sogar eigener) Herstellung stammen. Gepaart werden sie mit ausgewählten Produkten für ein schönes Zuhause. Wir probieren uns durch Aufstriche der hauseigenen Produktion und können uns kaum entscheiden, was wir nun zur Kasse tragen sollen. Lebensmittel sind für uns immer ein tolles Andenken an eine Reise – wenn auch ein sehr temporäres…

Frachtgold {Neustadt 13}

Im Frachtgold bleiben wir viel länger hängen, als wir zunächst dachten. Der kleine Laden führt handverlesene Produkte aus aller Welt, oft mit einem guten Zweck als Hintergrund. Die Besitzerin verrät uns, dass sie hiervon allein nicht leben kann, sondern noch einem Brot-Job nachgeht. Aber es ist ihre Passion und sie liebt, was sie tut und steht voll hinter dem, was sie anbietet. Wie zum Beispiel den Bluetooth-Lautsprechern von House of Marley, die von einem Nachfahren Bob Marleys produziert werden. Zwei Stück nehmen wir mit nach Hause, einen großen und einen kleinen und haben damit die lange Suche nach einer Alternative zu Alexa und Co. abgeschlossen. Sicher kein typisches Reise-Souvenir. Aber auch das lieben wir: die guten Dinge zu finden, egal in welcher Stadt.

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Hartmann’s Landküche {Neustadt 13}

Mittlerweile hat uns der Mittagshunger gepackt. Statt lange zu suchen, gehen wir einfach drei Schritte weiter in den hinteren Teil des Gebäudes. Hier befindet sich das Restaurant von Klaus Thiem.

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Mein Mann ist zunächst skeptisch und auch die Karte, ein A4-Blatt, auf dem nicht viel mehr als Schaschlik mit Reis, Currywurst und Milchreis angeboten wird, lässt uns noch etwas fragend zurück. Wie gut, dass wir nicht gezögert haben. Klaus führt seine Küche offenbar mit viel Können und noch mehr Herzblut. Die Getränke werden beim Servicepersonal bestellt, die Essenswahl erfragt er selbst. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal Schaschlik gegessen habe, aber es ist unfassbar gut. Genauso wie der Reis, der dazu serviert wird. Wir bekommen, während der Besitzer mit den Gästen am Nachbartisch plaudert, einen Eindruck von der Geschäftspolitik und sind froh, hier geblieben zu sein. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Wochenende: die Leidenschaft Einzelner, mit den Fähigkeiten, die sie haben, etwas Besonderes zu schaffen; geschäftstüchtig, kreativ und doch fernab von großen Profitwünschen, damit die Ehrlichkeit der Produkte nicht verloren geht.

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Bald haben wir das Ende der Neustadt erreicht und wir entscheiden uns, zurück zum Marktplatz und von dort weiter zum Schloss zu bummeln.

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Schloss Husum

Wir machen Fotos im Schlosshof, flanieren einmal durch den Park um den Graben herum und lassen, etwas genervt von dem unglaublichen Spektakel, das die Krähen in den hohen alten Bäumen, wo sie ihre Nester gebaut haben, veranstalten, schon recht bald wieder die grüne Oase.

 

Nachdem wir uns erleichtert und unsere Taschen zurück zum Auto gebracht haben, bummeln wir eine zweite Runde durch alte Gassen. Wir passieren ein Buchantiquariat und müssen es allein deswegen betreten, weil es sich anfühlt wie eine Reise mitten hinein in eine magische Geschichte.

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Künstler-Café {Neustadt 18}

Wir suchen uns schließlich ein sonniges Plätzchen im Künstler-Café. Hunger haben wir nach wie vor keinen, obwohl die hausgemachten Quiches und Kuchen eine echte Verlockung darstellen. So bleiben wir bei heißer Schokolade und Cappuccino, sitzen an einer alten Steinmauer unterm Magnolienbaum und denken, wie so viele Male an diesem Wochenende, wie schön das Leben in solchen Momenten ist. Denn genau das ist es und wir sind beim Verlassen ein wenig traurig, dass es solche Orte nicht auch in Cuxhaven gibt. Der Bedarf wäre – jedenfalls aus unserer Sicht – definitiv da.

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Als die Straßen sich leeren und die Geschäfte langsam schließen, machen wir uns auf den Rückweg. Denn wir haben noch eine Station vor uns an diesem Nachmittag: das Antikgeschäft Antine. Nordisch Wohnen in Stedesand. Da ich die beiden Schwestern, denen der Laden gehört, jedoch noch zu einem Interview überreden konnte und außerdem nicht umhin kam, mehr als 1-2 Fotos zu machen, erzähle ich Euch davon ein anderes Mal so ausführlich, wie es sich gebührt. {Edit: den Post über Antine findet Ihr HIER!}

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Sundowner am Fähranleger Dagebüll

Nach einem kurzen Zwischenstopp im Küstencottage, bei dem wir unser Abendbrot einladen, machen wir uns direkt wieder auf den Weg. Noch einem Tipp von Julia folgend. Wir fahren nach Dagebüll, von wo aus die Fähren nach Amrum und Föhr ablegen. Dort stellen wir das Auto ganz vorn, direkt an der Wasserkante, ab, lassen die Fenster runter und genießen den Sonnenuntergang, der sich vor uns wie ein kitschiger Fernsehfilm abspielt.

In Dagebüll wird fleißig gebaut, ein örtlicher Unternehmer investiert im großen Stil in seine Gegend und baut, passend zu den Ferienhaussiedlungen, gleich auch noch Geschäfte und Restaurants dazu. Alle Inhaber bzw. Geschäftsführer sind von ihm persönlich ausgewählt, weil er sich ein entsprechendes Niveau zur Erschließung der Gegend wünscht. Die Promande, an der wir zurück fahren, sieht auf alle Fälle vielversprechend aus – wenn auch vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, wie sie da so aus dem noch weiten Nichts erscheint.

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Historischer Hafen in Tönning

Als wir uns sonntags nach einem sehr gemütlichen Frühstück auf den Rückweg machen, beschließen wir, noch einen kleinen Zwischenstopp in Tönning einzulegen. Das winzig kleine Städtchen an der Eider-Mündung hat eine wechselhafte und ausdrucksstarke Geschichte. An diesem Sonntagmittag ist es ruhig und beinahe verschlafen. Die alten Häuser ducken sich in den gepflasterten Gassen aneinander, auch unter der Woche kann hier nicht wirklich viel los sein. Wir laufen bis zum Hafen vor und essen unser erstes Krabbenbrötchen der Saison. Der Tagespreis ist moderat und wir genießen die Sonne und die letzten Stunden ohne Familienchaos. Anschließend schlendern wir noch zur alten Werft, in der ein kleines Café eingerichtet wurde. Der Platz ist besonders, der Kaffee leider eher nicht so. Aber davon lassen wir uns nicht ärgern und beschließen, dass man hier eben lieber eine Limo trinken muss.

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Der Rückweg wird dann etwas mühselig, die Fähre kommt nur im Schritttempo über die Elbe, weil die Fahrrinne wegen der Tide zu flach ist. So brauchen wir mehr als anderthalb Stunden für die Überfahrt und nutzen die Zeit einfach zum lesen. Zugegeben, etwas enerviert sind wir, denn natürlich müssen wir noch die Kinder bei den Großeltern einsammeln. Und trotzdem endet das Wochenende genauso wie es begann: mit einem anderen Takt, einem langsameren Tempo, welches uns zur Entschleunigung zwingt und angesichts eines schnurgeraden Horizonts alles ein wenig neu ordnet.

Eure Carolin


Offenlegung | Ich möchte mich noch einmal recht herzlich bei Julia bedanken, die so lieb war, uns beide zu diesem Wochenende in ihr gemütliches Cottage einzuladen. Wir haben uns rundum wohl gefühlt!

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